Gedächtnis und Design
Öffentliche Vorträge im Hörsaal
Donnerstag, 4. Oktober 2001
10h Gedächtniskunst historisch (Rüdiger Schlömer)
11h Rhetorik und audiovisuelle Rhetorik (Andreas Echterhoff)
12h Gedächtnis und Film (Ingo Hinterding)
Freitag, 5 Oktober 2001
10h Marshall McLuhan (Susanne Dold)
11h Das kulturelle Gedächtnis (Kalbiye Nur Orhan)
12h Gedächtnis in Kognitionsforschung und Neurophysiologie (Brigitte Hoffmann)
13h Memetik (Katharina Birkenbach)
Abstracts:
Gedächtniskunst historisch
Rüdiger Schlömer
Bei der historischen Betrachtung der Gedächtniskunst zeigt sich eine Umformulierung je nach gültigem bzw. aktuellem Weltbild. Während Memotechnik ursprünglich in der Antike ein Teil der Rhetorik war, und der Verbesserung von Reden diente, wurde sie im Mittelalter durch die Scholasten dem Volk als gottesfürchtige "Andachtsübung" nahe gebracht. In der Renaissance wurden schließlich Systeme erschaffen, die weder rhetorisch-persuasiv noch moralisierend-gottesfürchtig waren, sondern ein ganzheitliches Verständnis der Welt und des gesamten Universums anstrebten. Das Referat bezieht sich hauptsächlich auf Frances A. Yates' "Gedächtnis und Erinnern", 1966 im Akademie Verlag erschienen.
Rhetorik und audiovisuelle Rhetorik
Andreas Echterhoff
Die Techniken der Rhetorik sind seit ihrer Entstehung in der Antike ein verbreitetes, allgemeines Mittel in der verbalen Kommunikation. Zum einen ist sie eine Form der Gedächtniskunst, zum anderen beabsichtigt sie die Manipulation der Zuhörer. In diesem Bereich ist sie eine sehr detailliert ausgearbeitete Erfahrungswissenschaft. Für den Bereich der audiovisuellen Rhetorik exisiteren zwar ähnliche Stilmittel, allerdings sind sie nur in Ansätzen in dieser Tiefe betrachtet und abgeleitet worden, obwohl sie ständig angewandte Mittel in der gegenwärtigen Werbung sind. Darüber hinaus bieten die audiovisuelle Rhetorik und ihre jüngeren Entwicklungen, wie z.B. die New Rhetoric, weitere Einsatzgebiete: visuelle Metaphern bilden immer stärker eine Methode der Informationsbe- und verarbeitung. Besonders im Hinblick auf interaktive (Multi-)Medien bedeutet dies Vermittlung von Wissen durch das Zusammenspiel mehrerer Mediatypen wie Sprache, Text, Bild und Ton, die dem Zuschauer interaktiv, dh. nonlinear zur Verfügung stehen. Es gilt nicht, statisches Datenmaterial zu verbreiten, sondern kognitive Prozesse in Gang zu setzen. Wissen wird generiert und die (im Überfluss vorhandene) Information durch Gestaltung und Systematik handhabbar gemacht. Dieser Wandel übt einen entscheidenden Einfluss auf das Informationsdesign aus.
Gedächtnis und Film
Ingo Hinterding
Das Referat befasst sich im wesentlichen mit der Wechselwirkung zwischen Film und Zuschauer. Die oft unterbewußte Wirkung eines Films auf den Zuschauer macht einen bedeutenden Teil des Filmerlebnisses aus. Das Publikum ergänzt Szenen und Handlungsabläufe eines Kinofilmes mit eigenen Erinnerungen und Erlebnissen, der Film wiederum baut gezielt auf diese Einbindungen und nutzt sie für seine Dramaturgie aus. Diese Wechselwirkung, morphologische oder figurale Dramaturgie genannt, sowie die diese begünstigenden filmischen Mittel, sind Thema des Referates.
Marshall McLuhan
Susanne Dold
Marshall McLuhan ist einer der bekanntesten Theoretiker des Medienzeitalters. "The Medium is the message" wurde zur meist zitierten Aussage über die Wahrnehmung und Wirkungsweisen von Medien. Doch dahinter verbirgt sich eine weit intensivere Auseinandersetzung mit der Geschichte und der Entwicklung der einzelnen Medien. Angefangen von den Analysen über die Bedeutung der oralen Kultur, über die des Buchdrucks bis hin zu den Visionen eines globalen Dorfes, haben seine Überlegungen bis heute nicht an Aktualität verloren. Dieses Referat fasst seine wichtigsten Theorien zusammen und gibt Aufschluss über die Zusammenhänge der unterschiedlichen Medien.
Das kulturelle Gedächtnis
Kalbiye Nur Orhan
Die aktuellen Ereignisse vor einigen Tagen in den USA, haben die Welt schockiert. Solche und ähnliche Ereignisse machen das Bedürfnis einer Gesellschaft deutlich, prägende Erfahrungen im Andenken zu bewahren. Hier drängt sich die Frage auf, wie Erfahrungen vor dem Vergessen bewahrt werden können und auf welche Weise Erinnerungen an folgende Generationen sinnvoll weitergegeben werden sollen. In diesem Zusammenhang ist es wichtig zu überlegen welche Umsetzungsmöglichkeiten man wählt, um die physischen Dimensionen von historischer Dokumentation einerseits und kollektiver Erinnerungen andererseits zu veranschaulichen. Auf die Beantwortung dieser Fragen und über diese hinaus gehe ich am Freitag in meinem Vortrag ein. Desweiteren thematisiere ich die Kultur als Gedächtnis aus biologischem und sozialwissenschaftlichem Ansatz. Dabei gehe ich auf Maurice Halbwachs und Jan Assman ein, zwei Haupttheoretiker auf diesem Gebiet. Interessant für uns Designer, ist der Übergang von der Oralität zur Literalität. Die daraus entstehende Medienentwicklung und die damit verbundenen Umsetzungsmöglichkeiten, werde ich ausführlich anhand von Beispielen darstellen.
Gedächtnis in Kognitionsforschung und Neurophysiologie
Brigitte Hoffmann
Als Gestalter beschäftigen wir uns in der Regel viel zu wenig mit der Kognitionsforschung und der Neurophysiologie. Dabei spielt die Wahrnehmung, die Informationsspeicherung und damit die Fähigkeit unseres Gehirns eine bedeutende Rolle im Hinblick auf das Design. Man muß erst verstehen, wie unser Gehirn und unser Gedächtnis funktionieren, um bewußte Werbekampagnen zu starten. Wie wollen wir bestimmte Ziele in der Werbung, im Internet und in den Printmedien erreichen, wenn wir nicht mal wissen, wie Andere(unsere Zielgruppe) diese aufnehmen und verarbeiten. Erst ein bewußt eingesetzter, außergewöhnlicher Reiz, ob er uns nun emotionell, plakativ, provokativ, schrill, farbig, schräg, bildhaft oder witzig trifft, bewegt uns zu einer Meinungs-, Verhaltensänderung, bis hin zum Kaufreiz. Dieser Vortrag soll einen kurzen Überblick zu diesem Thema schaffen und uns "Designer" dazu anregen uns mit solchen Forschungsbereichen zu beschäftigen.
Memetik
Katharina Birkenbach
Memetik ist ein Begriff, der das erste mal in dem Buch "Das egoistische Gen" von Richard Dawkins im Jahr 1976 auftauchte. Die Meme sieht er als Grundlage der kulturellen Evolution, sie sind für ihn die kleinsten Informationseinheiten, Beispiele hierfür sind Melodien, Schlagwörter, Moden. Die Meme streben danach sich zu vermehren, sich zu verbreiten und sich in den "Wirten" (dem menschlichen Gehirn) einzunisten. Durch die Entwicklung der Medien von der Sprache bis hin zum Internet, haben die Meme eine immer bessere Möglichkeit sich auszubreiten. In dem Referat wird näher darauf eingegangen, wie Dawkins zu der Idee des "Mems" kam, welche Kriterien "Meme" erfüllen müssen, um erfolgreich zu sein, und welche Rolle die Medien bei der Verbreitung der "Meme" spielen.
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